Hafiz wurde etwa 1320 in Shiraz im Süden des heutigen Iran geboren. Er erhielt den Namen Shams-du-din Muhammad und später nannte man ihn Hafiz („der etwas im Gedächtnis bewahrt), ein Titel, der jemandem verliehen wird, der den Koran auswendig beherrscht.
Sein Vater, ein Händler, starb, als Hafiz noch ein Jugendlicher war, und hinterließ die Familie in armen Verhältnissen. So arbeitete Hafiz zunächst bei einem Tuchhändler und dann bei einem Bäcker und besuchte abends die Schule. Er meisterte das koranische Recht, die Theologie, Grammatik, Mathematik und Astronomie sowie die Kalligraphie und war ebenso mit den Werken der großen persischen Dichter vertraut. Schon früh zeigte sich sein dichterisches Talent, das ihm die Schirmherrschaft von Herrschern und Adligen einbrachte.
hafiz Der Legende nach war hatte er mit 21 Jahren ein tiefes Berufungserlebnis. Er verliebte sich in ein wunderschönes adliges Mädchen namens Shakh-e-Nabat, zu der eine Beziehung aufgrund des Standesunterschieds aussichtslos war. Er verfasste sehnsüchtige Liebeslieder an sie, die in ganz Shiraz berühmt wurden. Es hieß, wenn man 40 Nächte am Grab des Heiligen Baba Kuhi Nachtwache halte, würde einem sein Herzenswunsch erfüllt. Aus seiner Liebe zu Shakh-e-Nabat unterzog er sich dieser harten Übung. Am 40.Tag erschien ihm der Engel Gabriel und fragte ihn nach seinem Wunsch. Hafiz hatte noch nie zuvor so ein herrliches, strahlendes Wesen erblickt. Er dachte: „Wenn Gottes Bote schon so schön ist, um wie viel schöner muss Gott selbst sein?“ Angesichts des Glanzes von Gottes Engel  vergaß er das Mädchen und seinen Wunsch völlig und sagte: „Ich wünsche mir Gott!“ Da führte Gabriel ihn zu einem spirituellen Lehrer, Attar von Shiraz (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Attar von Nishapur). (Eine andere Überlieferung spricht davon, dass Hafiz am Grab des Heiligen in einer Vision himmlisches Brot durch Ali, den Schwiegersohn des Propheten, gereicht wurde).
Attar führte nach außen ein normales Leben und hatte nur einen kleinen geheimen Schülerkreis. Er öffnete Hafiz die Augen für alle Formen der Liebe und ermutigte ihn, sie in seiner Dichtung zu besingen. Er mahlte jedoch auch das Ego seines Schülers zu Staub. Im Alter von 60 Jahren soll Hafiz in verzweifelter Sehnsucht nach Gott erneut eine vierzigtägige Nachtwache eingehalten haben. Am Morgen des 40. Tages – genau vierzig Jahre, nachdem er seinen Meister getroffen hatte – ging er zu Attar, und der Meister schenkte ihm die Erfahrung der göttlichen Vereinigung.
Hafiz soll um die 5000 Ghazals oder Liebesgedichte verfasst haben. Sie wurden erst später niedergeschrieben und nur etwa 500 sind noch erhalten. Sein Divan oder lyrisches Lebenswerk ist im Iran nach dem Koran das meistgelesene Werk und steht auf fast jedem Bücherregal. Man kennt heute noch viele Verse auswendig und benutzt sie auch als Orakel.
Hafiz nennt sich öfter „rend“, was „Freigeist, Vagabund, loser Vogel, Hippie“ bedeutet, jemanden, der das Leben und die Liebe ungebunden feiert, ein rebellischer Gläubiger, der der eigenen Inspiration folgt. Er drückte die Sehnsucht nach Gott oft durch erotische Bilder aus und konnte dadurch zweideutig verstanden werden, weltlich oder mystisch; ja, er spielte bewusst mit dieser Ambivalenz und besaß auch viel Schalk. Viele Sufi-Schulen bedienten sich zur Geheimhaltung einer Symbolsprache. „Wein“ stand für die Liebe, die „Taverne“ für die Sufi-Schule, „Nachtigall und Rose“ für den Liebenden und den Geliebten. Die spirituellen Schüler wiederum wurden als „Bettler, Halunken, Kurtisanen oder berauschte Wanderer“ beschrieben. Der Koran und die altiranische Sagenwelt hatten ebenfalls einen wichtigen Einfluss auf Hafiz‘ Dichtung.
Hafiz sah keinen Unterschied zwischen Moschee, Kirche und Feuertempel, solange nur „der Freund“ (Gott) nahe ist. Er war aber für viele Fundamentalisten eine Herausforderung und wurde auch zeitweilig vom Hof verbannt. Er hatte einen treuen Kreis von Gefährten und Schülern, denen er Lehrer und Berater war und schon zu Lebzeiten verbreitete sich sein dichterischer Ruhm bis nach Indien, Kaschmir, Byzanz, Kleinasien und China.
Hafiz starb friedlich etwa im Jahr 1389. Erst wollten ihm die orthodoxen Schriftgelehrten die moslemische Beisetzung verweigern, doch die Bevölkerung von Shiraz protestierte. So wurde ein Junge aufgefordert, einen Vers aus Hafiz‘ Werk zu ziehen, nach dem man sich dann richten würde. Darin hieß es dann: „Verurteilt weder den toten Hafiz noch sein Leben; mag er auch fehlgegangen sein, wartet dennoch der Himmel auf ihn.“ Hafiz hatte vorausgesagt, dass sein Grabmal einmal zum Wallfahrtsort aller „rend“ (Freigeister) werden würde. Später zollten große westliche Dichter wie Goethe, Emerson, Nietzsche, Puschkin u.a. Hafiz ihre Verehrung.

Meine Arbeit in meiner göttlichen Werkstatt
Besteht darin,
Die Wahrheit zu zeichnen,
Damit das Bild Gottes immer getreuer wird,
Und die grausamen Mauern einzureißen,
Die dich von der Zärtlichkeit des Feuers trennen.


Ihr seid zu einem Treffen,
Mit dem FREUND geladen.
Niemand kann sich einer Göttlichen Einladung entziehen.
So bleiben euch nur zwei Wege:
Entweder kommen wir zu Gott,
Geschmückt zum Tanz,
Oder:
Wir werden auf einer Bahre
In Sein Krankenhaus getragen!


Wir sind
Wie ein
Frisch vermähltes, ungleiches Paar,
Bei dem sich einer immer noch
Sehr unsicher fühlt –
So wende ich mich immer wieder
Gott zu
Und sage:
„Küss mich.“


Dieser Weg zu Gott
Machte mich zu einem liebenswerten alten Bettler.
Ich war am Verhungern,
Bis meine Liebe eines Nachts
Gott Selbst verlockte und Er
In meine Bettelschale fiel.
Nun ist Hafiz unendlich reich,
Doch das Einzige, was er fortan noch möchte, ist,
Seine Taschen voller Edelsteine
In diese Welt der Tränen auszuleeren.


Quellen: Ich hörte Gott lachen – Daniel Ladinsky, Freiburg 2011; Mein Herz im Spiegel Deiner Augen – Daniel Ladinsky, Bielefeld 2011; Die Ghaselen des Hafiz – Joachim Wohlleben, Würzburg 2004; Gedichte aus dem Diwan – Johann Christoph Bürgel, Stuttgart 1977