Muhammad Dschalaluddin Rumi* zählt zu den bedeutenden Dichtern der persisch-islamischen Mystik. Er wurde in Balkh an der Nordgrenze des heutigen Afghanistan am 30.9.1207 geboren. Balkh lag unweit der Seidenstraße und war damals ein lebendiges Zentrum des Islam und um die Zeitenwende hatte noch der Buddhismus dort geblüht. Rumis Familie floh 1219 vor den Mongolen und ließ sich 1228 schließlich in Konya in der heutigen Türkei nieder.
Auf der Reise soll der Knabe in Nischapur dem greisen Dichter Attar begegnet sein, der den schlummernden Genius in ihm gespürt und gesagt haben soll: „Da fließt ein Fluss, der einen ganzen Ozean hinter sich zieht!“ Zwischen 1230 und 1240 dürfte Rumi auch dem großen Denker Ibn ‘Arabi begegnet sein.
Rumis Vater erhielt in Konya beim regierenden Sultan eine Stelle als Prediger und Theologieprofessor und als er nach zwei Jahren starb, übernahm sein Sohn dieses Amt. Er wurde ein anerkannter Gelehrter der arabischen Grammatik, des islamischen Rechts, der Koranauslegung, der Theologie, Mathematik, Astronomie und der Sufi-Lehre und war der geistige Führer Hunderter von Schülern.
rumi Im Jahre 1244 begegnete Rumi einem Wanderderwisch namens Muhammad Schams-uddin („Sonne der Religion“) aus Tabris, kurz Schams-i Tabris (die Sonne von Tabris) genannt. Dies bedeutete einen völligen Wendepunkt im Leben des 37jährigen Gelehrten. Oft wurde dieses historische Treffen mit dem Koranausdruck „das Zusammentreffen zweier Ozeane“ bezeichnet. Shams muss eine überwältigende, eigenwillige Persönlichkeit gewesen sein. Er passte sich nicht den vorgeschriebenen ritualistischen Formen an und bezeichnete sich nicht als Liebenden, sondern gar als „Pol aller Geliebten“! Eine maßlose geistige Liebe entstand zwischen Rumi und diesem über 60jährigen Derwisch. Rumi sagte: „Was ich mir bisher unter Gott vorgestellt hatte, begegnete mir heute in Menschengestalt.“ Er erkannte plötzlich, dass all sein angelesenes Wissen wertlos im Vergleich zur inneren göttlichen Erfahrung war, die Shams ihm vermittelte. Rumis Sohn, Sultan Walad, schrieb über seinen Vater: „Nach langen Jahren des Wartens sah er Gott und erkannte die Geheimnisse des Universums. Er sah, was man nicht sehen konnte; er hörte, was niemand zuvor vernommen hatte. Shams enthüllte ihm den Ozean der Liebe – und der Maulana tauchte ein und verschwand darin.“ Rumi war so hingerissen von Shams, dass er Schüler und Familie vernachlässigte und das Gewand eines Sufis anlegte. Er fasste das Ergebnis dieser Begegnung in nur drei Worten zusammen: „Ich brannte, ich verbrannte, ich verbrannte …“ Fast zwei Jahre teilten beide eine ekstatische Freundschaft; sie verbrachten Tage innerer Einkehr und Nächte voller Gesänge und Gebete. Danach verschwand Shams wortlos – man vermutet, dass er von eifersüchtigen Schülern unter Mitwirkung eines Sohns Rumis ermordet wurde.
Die Trauer über den Verlust des Freundes machte Rumi zum Dichter. Er gab seine Lehrtätigkeit auf und der Schmerz des Verlangens nach dem Freund verwandelte sich in Tanz, Gesang und eine Dichtkunst, aus der unsterbliche Werke wie der Divan-e Shams-e Tabrizi (rund 35.000 Verse ekstatischer Liebeslyrik) und das Mathnawi (ein Lehrwerk der Mystik in ca. 26.000 Versen) hervorgingen. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Freund waren für ihn eins. Schließlich verwirklichte er innerlich seine Einheit mit dem geliebten Shams und überwand Trennung und Tod.
Rumis Haltung war kosmopolitisch; durch seine unmittelbare Gotteserfahrung überschritt er die Grenzen einer spezifischen Religion und konnte wahre Sucher mit Worten und Bildern universeller Gültigkeit ansprechen. Manche Gelehrte sagten: Während die meisten Menschen wie Fische im Meer sind, ist Rumi wie ein Wal, dem selbst das Meer wie ein zu kleiner Teich ist - d.h. er kann nicht auf die engen Grenzen einer Religion beschränkt werden. Als er am 17.Dezember 1273 starb, nahmen alle Religionsgemeinschaften an seiner Beisetzung teil und priesen ihn: „Er war unser Jesus, er war unser Moses!“ Er hatte einmal gesagt: „Wenn ich tot bin und ihr kommt an mein Grab, vergesst nicht, Trommeln und Flöten mitzubringen, denn bei Gottes Festmahl sind Trauernde fehl am Platz.“

Menschen der Liebe sind von allen Religionen fern,
Gott allein ist ihnen Glaube und Weg.


Der wahre Mensch ist einer, der ruhelos und unaufhörlich um das Licht der Majestät und Schönheit Gottes kreist.


Nicht nur die Durstigen suchen Wasser –
Das Wasser sucht die Durstigen!


Kein Liebender würde selbst Vereinigung suchen,
Wenn sein Geliebter sie nicht suchte!


Ein Sorgennetz aus Speichel, spinnengleich,
Web‘ nicht, da Kett‘ und Einschlag wertlos sind!
Geh, gib die Sorgen Ihm, der sie dir gab;
Auf ihn sieh, der den Kummer dir zerstreut.
Wenn Du nicht sprichst, so wird dein Wort Sein Wort.
Wenn du nicht webst, so wird der Weber Er.


Des Liebenden Leiden ist wie kein anderes.
Liebe ist der Kompass, der zitternd auf
Gottes Geheimnisse weist.
Mag die Liebe von der Erde
Oder vom Himmel sein,
Immer führt sie zu Gott.


Sing ein Ghasel, das noch nach hundert Jahren die Menschen singen;
Denn das Gewebe, das Gott webt, verdirbt nicht in Ewigkeiten.


Quellen: Rumi – Ich bin Wind und du bist Feuer,Annemarie Schimmel,  Düsseldorf 1980; Tanz meiner Seele- Bernardin Schellenberger, Stuttgart 2003; Das Lied der Liebe – J.Star & S.Sharam, München 2005

*  Der mit din – „Religion“ zusammengesetzte Name definierte den Träger als Muslim und bedeutete „Macht der Religion“; Rumi bezieht sich auf Rum, wie das von Byzanz, also Ost-Rom, beherrschte Gebiet Kleinasiens genannt wurde. Orientalen bevorzugen den Namen Maulana, „unser Herr“, in türkischer Aussprache Mewlana, von dem sich der Name des von ihm inspirierten Ordens der Tanzenden Derwische, der Mevlevis, ableitet.