Rabindranath Tagore wurde am 7.5.1861 in Kalkutta geboren. Er war das 14. Kind einer berühmten, traditionsreichen und gebildeten Familie und wuchs in einer Großfamilie mit Dienern und Privatlehrern auf, die zeitweilig bis zu hundert Mitglieder umfasste. Zahlreiche kulturelle Darbietungen fanden im großen Haus seiner Familie statt.
Mit 21 Jahren erlebte er einmal, morgens auf dem Dach seines Hauses stehend, in einer Vision „die Welt in einem wunderbaren Glanz gebadet und Wogen der Freude und Schönheit auf allen Seiten emporsteigen. Mein Herz bedeckten schwere Schichten von Traurigkeit, die das universale Licht in einem Augenblick durchdrang und mein ganzes Inneres aufleuchten ließ …” Er nahm den Gang, die Gestalten, die Gesichtszüge der Vorübergehenden wie „das Spiel der Wellen auf dem Meer des Universums wahr”, nicht als isolierte Bewegungen, sondern „die Körperbewegungen aller Menschen in der ganzen Welt als Eines” , als „Zeichen eines großartig schönen Tanzes”. Daraus entstand eins seiner ersten Naturgedichte. Später schrieb er auch einmal rückblickend, wie in seiner Kindheit Erde, Wasser, Bäume und Himmel, alle zu ihm sprachen „und ich konnte nicht gleichgültig bleiben.”
Tagore machte weder einen Schulabschluss noch übte er jemals einen „bürgerlichen” Beruf aus. Er besaß einen starken Freiheitsdrang und eine tiefe Liebe zur Natur. Bereits als Jugendlicher begann er, Dramen und Musikspiele zu schreiben und verfasste später insgesamt über 2000 Lieder in seiner Muttersprache Bengali; auch wirkte er als Dramatiker, Schauspieler und Regisseur. Ab seinem 30. Lebensjahr verfasste er auch Erzählungen und Romane.
Mit 40 Jahren gründete er eine Ashramschule in Shantiniketan, 150 km nördlich von Kalkutta, um eine freie, schöpferische Erziehung zu erproben. Später sollte er noch eine musische Universität, “Vishva-Bharati”, nebst einem landwirtschaftlichen Zweig angliedern. Dort hielt Tagore ein Jahrzehnt lang pädagogische Vorträge und hatte auch seinen Wohnsitz bis zum Lebensende dort.
Er engagierte sich auch eine Zeitlang politisch, indem er zum Anführer der nationalistischen Befreiungsbewegung wurde. Als ihn seine Arbeit erschöpfte und Sorgen ihn heimsuchten, reiste er zur Erholung nach England. Dort traf ihn der irische Dichter William Butler Yeats und setzte sich für den Druck von Tagores Buch “Gitanjali” auf Englisch ein. 1913 erhielt Tagore für “Gitanjali” als erster asiatischer Dichter den Nobelpreis für Literatur. Er wurde über Nacht zu einer Berühmtheit und sein Werk wurde in kürzester Zeit ins Englische übersetzt.
Zwischen 1916 und 1932 unternahm Tagore mit Schiff und Bahn neun Auslandsreisen (u.a. nach Europa, Nord- und Südamerika, Ostasien, Japan, Iran und Irak). Als er sich in einem Brief einmal fragte, warum er nach England gereist sei, schrieb er: „Daraus folgere ich, dass mein Lebensweg nicht meinen Wünschen und Plänen entsprechend verlaufen wird: Jener, der mich so lange durch Freud und Leid vorbereitet hat, Er selbst wird mich zu meinem Werk veranlassen. Nicht zu einem Werk für mein Land – sondern zu einem Werk für Seine Welt.” Er engagierte sich für die Völkerverständigung und hielt philosophische Vorträge über die spirituelle Botschaft Indiens, die ein Gegengewicht zum westlichen Materialismus schaffen könne.
Tagore war tiefreligiös, ohne einem Glaubenssystem zu folgen. Er war inspiriert von der Einheitsschau der Upanishaden und dem Vaishnava-Glauben an die Liebe von Radha und Krishna. Die „Religion eines schöpferischen Menschen” bestand für ihn aus der Liebe zu Natur und Kosmos, aus der Bejahung der menschlichen Sinne und ihrer Gegenstände und aus der tätigen Liebe,, d.h. dem Dienst an allen Wesen. Er versuchte, Ost und West in seiner Person und in seinem Werk zu vereinen und verkörperte darin eine außergewöhnliche Universalität. Noch heute hat er einen enormen Einfluss auf die ganze bengalische Kultur.
1941 starb der Dichter nach einem bis zuletzt schöpferisch erfüllten Leben.

Auf dem Spielfeld dieser vergänglichen Welt,
In Glück und Unglück,
Habe ich oft und oft Ewigkeit gekostet,
Habe wieder und wieder das Unendliche
Hinter dem Horizont des Endlichen gesehen.


Ja, ich weiß es, dies ist nichts als Deine Liebe,
Du Geliebter meines Herzens,
Dieses goldene Licht, das auf den Blättern spielt,
Diese müßigen Wolken, durch den Himmel segelnd,
Dieser Windhauch, der vorüberstreift
Und seine Kühle lässt auf meiner Stirn.

Das Morgenlicht hat meine Augen überflutet,
Ist Deine Botschaft an mein Herz.
Dein Antlitz ist herabgeneigt,
In meine Augen schauen Deine nieder –
Mein Herz hat Deinen Fuß berührt.


Dich hab ich, mir scheint, geliebt in vielen Gestalten so viele Male,
Wieder und wieder in jedem Leben, wieder und wieder in jeder Epoche.

In der Strömung unserer gemeinsamen Liebe trieben wir,
Entsprungen aus der Quelle anfangloser Zeit,
Wir spielten inmitten hunderttausend Liebender unser Spiel der Liebe,
Mit ihnen kosteten wir Tränen der Trennungsqual und den Honig scheuer Verbindung.
Uralt ist diese Liebe, die in stets neuer Verkleidung erscheint.

Quellen: Rabindranath Tagore von Martin Kämpchen, Hamburg 1992; Mein Vermächtnis – Tagore, München 1997
Liebesgedichte – Tagore, Frankfurt 1988; Gitanjali – Tagore, Freiburg 1958